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MSN-1-2011 > HRV – Baustein zur Verbesserung der Belastungs- und Regenerationssteuerung

HRV – Baustein zur Verbesserung der Belastungs- und Regenerationssteuerung

Von Herzschlag zu Herzschlag

In den USA schon lange Jahre Goldstandard in der Kardiologie, hat die Messung der Herzfrequenz variabilität HRV in Deutschland lange Jahre ein Schattendasein geführt. Mittlerweile erkennen nicht nur Mediziner, sondern auch Trainer und Therapeuten den Wert der HRV in unterschiedlichsten Anwendungsbereichen.

In der Praxis hat die HRV schon lange einen hohen Stellenwert für die Darstellung der vegetativen Regulation. Dies zeigt sich im intraindividuellen Verlauf besonders deutlich, wenn regulierende Maßnahmen angewendet werden. Hierbei sind Messverfahren wie die der Kurzzeitanalyse mit 3 x 5 Minuten in der Compliance und als alltagstaugliche schnelle Lösung zu bevorzugen. Vergleichbarkeit und Reproduzierfähigkeit sind dann ebenfalls gewährleistet. Auf der Suche nach einer Möglichkeit der Diagnostik von Übertrainingszuständen bei Sportlern oder dem Burn-Out-Syndrom, nicht nur bei Managern, kann die HRV-Messung hilfreich unterstützen. Die Messung ist für den Probanden ohne Belastung und nicht invasiv durchführbar und ergibt reproduzierbare Ergebnisse unter Berücksichtigung der verwendeten Hard- und Software wie die z. B. der frequenz-domain.

Ergebnisse

Gerade dann, wenn die üblichen Routineuntersuchungen wie EKG, Belastungs-EKG, Herzschall, Laboruntersuchungen oder klinische Untersuchungen keinen oder noch keinen Befund liefern, z. B. bei Leistungsabfall oder Schlafstörungen, zeigen sich bei der HRV schon frühzeitig Veränderungen in qualitativen und quantitativen Ergebnissen der Relation Sympathikus zu Parasympathikus. Beim gesunden Menschen sollte idealerweise eine große Herzfrequenzvariabilität bestehen, d.h., es findet sich eine schnelle Anpassung des Herzschlags an verschiedene Belastungsbedingungen, vor allen Dingen von Herzschlag zu Herzschlag. In der internationalen medizinischen Literatur sind ausreichend Dokumentationen bekannt, die eine reduzierte HRV bei verschiedenen Krankheitsbildern dokumentieren. Bei einer körperlichen Überlastung verringert sich die Variabilität von Herzschlag zu Herzschlag, es kommt zu einer Art Starre. Ist diese Variabilitätsveränderung kurzfristig wieder reversibel (z.B. durch regenerative Maßnahmen), so hat sie keinen Krankheitswert. Ist sie jedoch nicht reversibel und in einer Folgemessung nach erfolgter Regeneration wieder nachweisbar, so müssen therapeutische und regenerative Maßnahmen eingeleitet werden, um ein optimales Niveau herzustellen.
Anbei das Fallbeispiel einer Managerin, die von ihrer Sekretärin in meine Praxis geschickt wurde, da sie sich durch zunehmende Aggressionen „auszeichnete“, gestresst erschien und auch über Schlafstörungen klagte. Die klassischen Untersuchungen ergaben keinen Befund. Die Patientin erschien gesund. Sie lief mehrmals in der Woche 10 km in hohem Tempo, „um sich zu regenerieren“ und die Belastungen des Alltags zu vergessen, was jedoch ein völlig falscher Ansatz war. Im Laktattest zeigte sich ein frühzeitiger Anstieg der Herzfrequenz mit Laktatanstieg bei noch hoher Leistungsfähigkeit im anaeroben Bereich, jedoch deutlich verminderter Erholungsfähigkeit. Die Messung der HRV (Abb. 1) ergab einen völligen Verbrauch der Regenerationsreserven bei nur noch geringem Reservoir im Bereich des Sympathikus. Die HRV zeigte damit eine geringe Aktivität. Die Patientin war kurz bis mittelfristig hochgradig gefährdet, einen Burn-out zu erleiden. Mit regenerativen Maßnahmen – u. a. aktiver Erholung, basischer Ernährung, Intensitätsreduzierung beim Joggen – gelang es nach drei Monaten, eine gesteigerte HRV (Abb. 2) und damit eine verbesserte autonome Regulation zu erreichen. Beim Sportler ist eine verminderte HRV nach dem Training normal, die Folgemessung am nächsten Tag sollte im Idealfall aber wieder eine gesteigerte, d. h. normale HRV zeigen. Sollte die Erholung noch nicht abgeschlossen sein, so muss das Training hin zu einem regenerativen Training bis zur völligen Trainingspause variabel gestaltet werden. Hier liegt der große Nutzen für Sportler und Trainer, um das Training und die Regeneration optimal zu gestalten.

Besonders im Trainingsalltag eines Sportlers ist die HRV ein probates Mittel, um das Training zu optimieren oder die Trainingssteuerung zu verbessern und damit die Leistungsfähigkeit zu steigern. So können z. B. im Mannschaftstraining einer Fußballmannschaft im täglichen Trainingsablauf durch eine Kurzzeitmessung dem Trainer wertvolle Hinweise über die Belastungs-/Erholungsfähigkeit einzelner Spieler gegeben werden. Die Gefahr des Übertrainings und des damit verbundenen Leistungsabfalls kann damit deutlich reduziert werden. Zusätzlich wird der Spieler/Sportler sensibilisiert, in sich zu hören und frühzeitig Symptome zu erkennen, die auf eine mangelhafte Regeneration hinweisen. Auch bei Individualsportlern ist die Trainingsbegleitung durch HRV wertvoll. Abb. 3 zeigt die Messung eines Sportlers nach erschöpfendem Training. Abb. 4 zeigt den gleichen Sportler am nächsten Tag vor dem Training zu 100 % erholt.

Fazit

In der Praxis hat sich eine gesicherte und standardisierte Hard- und Software als diagnostisches Verfahren zur Darstellung der Aktivitäten des autonomen Nervenssystems mittels Darstellung des Sympathikus und Parasympathikus mit der frequenz-domain als hilfreich erwiesen. Sportler, Patienten und Menschen mit einer hohen Selbstverantwortung können gezielt geführt werden und lernen, mit ihren Körpersignalen besser und selbstregulierend umzugehen.

klaus.gerlach@arztpraxis-weiler.de

Foto: © Dr. med. Klaus Gerlach

MSN 1 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 1 / 2011.
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