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Sportmedizin - was steckt dahinter

Als ich während meiner Ausbildung zum Orthopäden in einer sportorthopädischen/sporttraumatologischen Klinik angestellt war, hat mich mein damaliger Chef davor gewarnt, in Gesprächen mit Ärzten anderer Fachbereiche mich als
„Sportmediziner“ zu outen. Tatsächlich ist es bis heute so, dass die Sportmedizin kein eigenständiges Fach innerhalb der Medizin darstellt und trotz oder gerade wegen ihres breiten Spektrums eine Randdisziplin ist, die von „seriösen Medizinern“ meist belächelt und auf Grund ihrer ­Nähe zum Doping sogar angefeindet wird.

Der vorliegende Beitrag soll die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Sportmedizin beleuchten, Gefahren und Fehlentwicklungen aufzeigen und dem medizinischen Laien den notwendigen Sachverstand vermitteln, um die Inhalte des Begriffes „Sportmedizin“ zu ver­stehen.

Entwicklung der Sportmedizin

Die Sportmedizin ist ein integratives Fach, bei dem praktisch alle Fach­disziplinen der Medizin beteiligt sind. Die klassischen Schwerpunkte sind die Innere Medizin und die Orthopädie/Traumatologie. Daneben gibt es aber Fragestellungen, die Kompetenzen vom Augenarzt bis zum Urologen oder vom Psychiater bis zum Pädiater erfordern. Traditionell war der Sportmediziner so etwas wie der „Hausarzt des Sportlers“, das heißt, die erste Anlaufstelle bei allen Problemen. Von Kleinigkeiten abgesehen, musste jedoch eine fachärztliche Diagnostik und Therapie erfolgen, wozu der Sportler weiter überwiesen wurde. Diese Tatsache machte es schwierig, die Sportmedizin in die Ausbildung der Medizinstudenten aufzunehmen. Die Anerkennung der Sportmedizin als selbstständiges Fach ist aus diesen Gründen nach wie vor nicht erfolgt.
Im Spitzensport wurden in den vergangenen 30 bis 40 Jahren zunehmende Umfänge und Intensitäten im Training und Wettkampf realisiert. Parallel dazu zeigte sich, dass nicht mehr die kardiopulmonal determinierte Leistungsfähigkeit, sondern die Belastbarkeit des Stütz- und Bewegungsapparates die Leistungsfähigkeit eines Athleten schwerpunktmäßig bestimmt. Nicht ­zuletzt aufgrund des Druckes der
Athleten wurden in der medizinischen Betreuung im Spitzensport zunehmend orthopädisch/traumatologisch ausge­bildete Ärzte eingesetzt. Im Gegensatz dazu ist die Leitung sportmedizinischer Institute in Deutschland nach wie vor nahezu ausschließlich in internistischer Hand.

Das Dilemma des Sportmediziners besteht also darin entweder von vielem wenig zu wissen, oder aber in einem kleinen Teilbereich hoch spezialisiert zu sein, also vieles zu wissen. Dem Frei­zeitsportler, der einen Rat im internistischen/leistungsphysiologischen Bereich sucht, um beispielsweise als Spätein­steiger ein präventives Ausdauertraining aufzunehmen, ist der Besuch bei einem Sportmediziner mit einem fundierten internistischen Wissen anzuraten. Andererseits wird die Frage, welche Sportarten in einem derartigen Fall sinn­vollerweise zu empfehlen sind, vom Sportmediziner mit orthopädischer Spezialisierung zuverlässig geleistet. Es kann nicht sein, dass ein Orthopäde kompetent EKG befundet. Ebenso ­wenig ist eine kompetente Gelenk­diagnostik durch einen Internisten zu leisten. In der Spitzensportbetreuung wird das Problem besonders eklatant. Für das Fach „Sportmedizin“ ergibt sich dadurch die Forderung nach einer Aufteilung in verschiedene Subspezialisierungen.

Spezifische sportmedizinische Leistungen

Die Entdeckung und Erforschung des „Sportherzens“ durch Reindell war die erste spezifische Forschungsleistung der Sportmedizin. Aber auch in der orthopädischen/traumatologischen Sport­medizin wurden spezifische Schadensmuster identifiziert. Beispielhaft sei die Stressfraktur (= Ermüdungsbruch) genannt. Damit war bewiesen, dass die Sportmedizin nicht als Anhängsel an bestehende Fachdisziplinen anzusehen ist. Vielmehr baut die Sportmedizin auf verschiedenen medizinischen Fächern auf und entwickelt ein spezifisches, zusätzliches Wissen mit Bezug zum Sportler. Diese spezielle Kompetenz ist durch die Fachkollegen in der Regel nicht oder nur unvollständig abgedeckt.
In den vergangenen Jahren wird vermehrt die „universitäre Sportmedizin“ von der „praktischen Sportmedizin“ abgegrenzt. Diese Unterscheidung wurde aus der Überheblichkeit der Vertreter der beiden Gruppen heraus geboren. Einerseits wird die unmittelbare Betreuung und Behandlung der Spitzensportler im Training und im Wettkampf vor allem durch engagierte Ärzte geleistet, deren Wissen vor allem aus der eigenen Erfahrung resultiert. Ein nicht zu ­vernachlässigender Nebeneffekt dieser „Wettkampfmedizin“ besteht darin, sich medienwirksam im Sog der erfolgreich betreuten Athleten zu „vermarkten“. Die evidenzbasierte sportmedizinische Forschung andererseits rückt häufig die Studie beziehungsweise die eigene ­Qualifikation und nicht den Athleten in den Vordergrund des Interesses. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist nur möglich, wenn beide Ansätze im ­Einzelfall sinnvoll kombiniert werden können.

Die Rolle der Verbände/DSOB

Die Spitzensportverbände des DSOB (früher DSB und NOK) bekennen sich zu ihrer besonderen Verantwortung ­gegenüber der Gesundheit des Hochleistungssportlers. „Seit 1970 hat jeder Bundeskaderathlet die Möglichkeit, sich im Rahmen des Sportmedizinischen Untersuchungs- und Betreuungssystems des DSB/BL jährlich einer standard­mäßig durchgeführten Untersuchung
zu unterziehen“ (http://www.dosb.de/de/leistungssport/sportmedizin-sportphysiotherapie). Unabhängig von den allgemeinen medizinischen Versorgungs­strukturen wurde damit ein internis­tisches sportmedizinisches Vorsorge­systemen entwickelt, welches nicht nur die Eignung, die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit sondern auch die Diagnostik von Schäden und Funktions­störungen sowie die Erhaltung der Gesundheit zum Ziel hat. Die medizinischen Abteilungen der Olympiastützpunkte (Olympiastützpunktärzte, Physiotherapeuten) haben die Aufgabe, den laufenden Trainingsprozess für die ­Kaderathleten zu sichern. Dazu gehören Betreuung, Behandlung und Beratung sowie leistungsdiagnostische Maßnahmen.
Verbandsärzte werden von den jeweiligen Spitzensportverbänden benannt und sind deshalb nur für diese eine Sportart ehrenamtlich zuständig. Der Verbandsarzt erfüllt die Funktion eines „Hausarztes“ für die Kaderathleten ­seines Verbandes. Er führt die sport­medizinische Betreuung bei zentralen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen und Wettkämpfen (Trainingslager, Europameisterschaften, Welt­meisterschaften, Olympische Spiele) durch und steht den Verbänden als sportmedizinischer Berater zur Seite. Bei ihm/ihr sollen die gesundheits­relevanten Daten aus Vorsorgeunter­suchungen und Behandlungen zusammenfließen.

Die deutsche Sportmedizin im internationalen Vergleich

Im Gegensatz zur nicht fachgebundenen deutschen Weiterbildungsordnung müssen sich die US-amerikanischen Sportorthopäden einer fachspezifischen orthopädischen Weiterbildung unterziehen. Diese dauert ein Jahr und erfolgt nach Abschluss der Facharztprüfung
als „Fellowship“ in einer zugelassenen ­Universität oder privaten sportmedizinischen Praxis. Zur Zulassung für die
ab 2007 eingeführte Abschlussprüfung muss der Antragsteller neben einer sportmedizinisch ausgerichteten Tätigkeit jährlich mindestens 125 Sportverletzungen operativ (davon 75 arthroskopisch) behandeln. In den USA besteht für den internistischen/leistungsphysiologischen Bereich der Sportmedizin ­eine Zuordnung zur Family Medicine. In Deutschland dagegen ist die Sportmedizin meist an sportwissenschaftlichen und nicht an medizinischen ­Fakultäten angebunden. Damit wird klar, dass entsprechend dieser Weiterbildungsrichtlinien in Deutschland allgemeine Kenntnisse erworben werden, die zu einem großen Anteil primär fachfremd sind und den Sportarzt damit als Betreuer im Sinn eines „Hausarztes“ qualifizieren. In den USA hingegen erfolgt die Ausbildung zum sportmedizinisch ausgerichteten Experten. Der Stellenwert und in die Notwendigkeit für dieses Spezialwissen ergeben sich aus der Tatsache, dass in den USA sportmedizinische operative Maßnahmen zu den häufigsten Eingriffen überhaupt zählen. Dies sind insbesondere arthroskopisch durchgeführte Meniskusteilentfernungen, vorderen Kreuzbandrekonstruktionen und Schulteroperationen.
Wissenschaftliche Untersuchungen und Publikationen deutscher Arbeitsgruppen im Bereich der internistischen, leistungsphysiologischen Sportmedizin erreichen einen hohen Standard im internationalen Vergleich. Die deutschen sportorthopädisch/sporttraumatologischen Veröffentlichungen hingegen liegen regelmäßig unter dem internationalen Niveau. Die Tatsache, dass anspruchsvolle wissenschaftliche Zeitschriften nahezu ausschließlich in englischer Sprache erscheinen, mag ­einen gewissen Nachteil für deutsche Forscher darstellen. Andererseits zeigen jedoch Veröffentlichungen aus den skandinavischen Ländern, dass das „Native ­Speaker“ Problem allenfalls eine untergeordnete Bedeutung hat. Die Struktur der Forschung und die Möglichkeiten der Forschungs­förderung im Ausland scheinen die wissenschaftliche Entwicklung besser als in Deutschland zu beeinflussen.

Konsequenzen für Sportverletzte

Aus der Struktur der sportmedizinischen Weiterbildung ergibt sich, dass der sportmedizinische Sachverstand der Sportärzte in Deutschland grundsätzlich sehr inhomogen ist. Die Qualität der sportmedizinischen Betreuungsleistung bezogen auf ein spezifisches Problem hängt in erster Linie davon ab, welcher Sportmediziner mit welcher zu Grunde liegenden Facharztausbildung die Leistung erbringt. Letztlich liegt die Verantwortung für eine adäquate sportmedizinische Betreuung also beim Sportler selbst. Er muss wissen, wo er den Experten für ein spezielles Problem findet. Ein erster und wesentlicher Hinweis darauf, welcher Sportarzt im Einzelfall der richtige ist, ergibt sich durch die jeweils zu Grunde liegende Facharztbezeichnung des Sport­mediziners. Beispielsweise ist es grundsätzlich nicht sinnvoll, eine leistungs­diagnostische Untersuchung (Fahr­rad­ergometrie oder Lauf­bandergometrie) von einem Orthopäden durchführen zu lassen. Die Diagnostik und Therapie sowie Rehabilitation einer neu aufge­tretenen Knieverletzung hingegen, gehört in die Hand des Sport­orthopäden.
Eine besonders hohe Qualität garantieren die sportmedizinischen Institute. Diese beschäftigen sich ausschließlich mit sportrelevanten medizinischen ­Fragestellungen. In der Regel erfahren sowohl Gelegenheitssportler als auch ambitionierte Freizeitsportler, Vereinssportler und nicht zuletzt Kaderathleten und Profis in diesen Einrichtungen eine qualitativ hochwertige Behandlung. Ein weiterer Vorteil dieser Einrichtungen besteht darin, dass eine strukturelle Verzahnung zwischen orthopädischer und internistisch/leistungsphysiologischer Sportmedizin auf Facharztniveau besteht. Damit ist eine Behandlung/Betreuung durch einen Experten jederzeit gegeben.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Dr. med. Heinz Lohrer:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/6969

MSN 4 / 2007

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 4 / 2007.
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